Temporäre Beschäftigung im Schweizer Gesundheitssektor: Ein Vorteil, kein Nachteil!

In der Schweiz konfrontiert der Gesundheitssektor bedeutende Herausforderungen, unter anderem einen ausgeprägten Mangel an Fachkräften und anspruchsvolle Arbeitsbedingungen. Eine Entwicklung, die zunehmend an Relevanz gewinnt, ist der verstärkte Einsatz temporärer Arbeitskräfte in Krankenhäusern. Diese Praxis hat zu einer intensiven Debatte geführt.

Die Flexibilität, die durch temporäre Beschäftigungsverhältnisse in Bezug auf Arbeitszeiten und Einsatzorte geboten wird, zieht immer mehr Pflegekräfte an. Doch diese Entwicklung wirft Bedenken auf, insbesondere hinsichtlich der potenziellen Benachteiligung von Festangestellten. Einige Krankenhäuser überlegen sogar, regulative Massnahmen einzuführen, um den Anteil der temporär Beschäftigten zu limitieren.

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Zunahme der Temporärarbeit im Pflegebereich

Laut Schätzungen basierend auf der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung und Branchengesamtzahlen für das Jahr 2022 beträgt der Anteil der Temporärarbeitenden am Pflegepersonal zwischen 1,4 und 2,4 Prozent. Dies stellt im Vergleich zu den letzten fünf Jahren einen Anstieg um etwa die Hälfte dar. Dennoch liegt der Anteil der Temporärarbeit im Gesundheitssektor unter dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt von 2,8 Prozent.

Roberto Laezza, CEO von Planova human capital ag, zeigt sich vom Anstieg nicht überrascht, da der Gesundheitssektor im gleichen Zeitraum um 100.000 Vollzeitäquivalente gewachsen ist. Ohne die Unterstützung durch Personaldienstleister wäre der gestiegene Rekrutierungsbedarf kaum zu decken.

Bedenken der Krankenhäuser

Krankenhäuser äussern Bedenken über negative Auswirkungen der Zunahme von Temporärarbeit, darunter potenzielle Verschlechterungen der Versorgungsqualität durch häufige Kurzeinsätze, zusätzliche Kosten durch die Margen der Personalvermittler und eine mögliche Benachteiligung des festangestellten Pflegepersonals. Es ist entscheidend, diese Punkte zu berücksichtigen und gegebenenfalls Massnahmen zu ergreifen, um die Versorgungsqualität hochzuhalten. Eine objektive Betrachtung offenbart jedoch, dass die Diskussion im Pflegebereich teilweise auf Missverständnissen beruht und eine Einschränkung der Temporärarbeit als Massnahme kontraproduktiv wäre:

Missverständnis 1: Festanstellung als Zwangslösung

Die Annahme, dass sich temporäres Pflegepersonal durch eine Begrenzung der Temporärarbeit in Festanstellungen “zwingen” liesse, entspricht nicht der Realität. Eine Umfrage von gfs zu den Motiven der Temporärarbeitenden zeigt deutlich: Mehr als die Hälfte nennt “Work-Life-Balance” und “Freiheit der Selbständigkeit” als Gründe für die Wahl der Temporärarbeit; fast die Hälfte schätzt die Möglichkeit, zeitweise in unterschiedlichen Unternehmen und Branchen tätig zu sein.

Angesichts dieser starken Präferenz für Autonomie ist das Risiko hoch, dass ein bedeutender Teil der Pflegefachkräfte den Sektor verlassen würde, sollten die Möglichkeiten für Temporärarbeit eingeschränkt werden.

Missverständnis 2: Gefahr für die Versorgungsqualität

Die Integration neuer Mitarbeiter stellt jede Einrichtung im Gesundheitswesen vor Herausforderungen. Doch die Qualität der Dienstleistungen hängt nicht von der Beschäftigungsform ab, sondern von klaren Prozessen, einer definierten Rollen- und Aufgabenverteilung und dem gezielten Einsatz digitaler Werkzeuge. Der Einsatz von Temporärarbeitenden kann die Qualität sogar verbessern, indem er das System in Spitzenzeiten entlastet und Faktoren wie Personalengpässe, Arbeitsüberlastung und Stress entgegenwirkt.

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Missverständnis 3: Überhöhte Kosten durch Temporärarbeit

Die verbreitete Annahme, dass temporäres Pflegepersonal unverhältnismässig hohe Kosten verursacht, hält einer kritischen Betrachtung nicht stand. Zwar berechnen Personalvermittler einen Prozentsatz des ausgezahlten Lohns als Gebühr, doch dieser Betrag lässt sich nicht direkt mit dem Bruttolohn einer festangestellten Pflegekraft vergleichen. Zum Bruttolohn kommen bei Festanstellungen Arbeitgeberbeiträge zu Sozialversicherungen, Lohnzuschläge, Rekrutierungskosten und Koordinationsaufwand im Personalwesen hinzu, die bei der Kalkulation berücksichtigt werden müssen.

Zusammenfassung:

In der Schweiz steht der Gesundheitssektor, insbesondere durch einen Fachkräftemangel und anspruchsvolle Arbeitsbedingungen, vor Herausforderungen. Eine wachsende Tendenz ist der Einsatz temporärer Arbeitskräfte in Krankenhäusern, was zu Diskussionen führt. Die Flexibilität der Temporärarbeit zieht Pflegekräfte an, wirft jedoch Bedenken hinsichtlich der Benachteiligung von Festangestellten und der Versorgungsqualität auf. Der Anteil der Temporärarbeitenden in der Pflege liegt zwischen 1,4 und 2,4 Prozent und ist im Vergleich zu den letzten fünf Jahren gestiegen, bleibt aber unter dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt. Trotz der Bedenken von Krankenhäusern über Kosten und Versorgungsqualität zeigt eine objektive Betrachtung, dass Temporärarbeit wichtige Flexibilität bietet und bei korrekter Integration die Versorgungsqualität nicht beeinträchtigt. Eine Einschränkung der Temporärarbeit könnte kontraproduktiv sein, da viele Temporärarbeitende die Flexibilität und Abwechslung schätzen und ohne diese Option möglicherweise den Pflegebereich verlassen würden.